Eurovisionen - Europäisch fühlen

 

Wir Sind Europa  hat in den letzten zehn (!) Jahren Veranstaltungen zum Gastgeberland des Eurovision Song Contest durchgeführt. Nach dieser zehnjährigen Erfolgsgeschichte haben wir uns dieses Jahr für ein neues Konzept entschieden, ohne uns für immer von der bewährten Vorgangsweise verabschieden zu wollen.  In Zeiten, in denen Staats- und Regierungschefs mit Aussagen wie "Zerfällt der Euro, zerfällt Europa" zitiert werden, widmeten wir uns der Frage: Was gibt uns ein europäisches Gefühl? Dazu diskutierten am 26. Mai 2012 in der Diplomatischen Akademie unter der Leitung von Margareta Stubenrauch:

 

Jürgen Gmelch, Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich

Katja Hensel, Theaterautorin und Schauspielerin

Niraj Nathwani, Programmleiter für juristische Studien an der Agentur der EU für Grundrechte

Franz Nauschnigg, Leiter der EU-Abteilung der Oesterreichischen Nationalbank

Heidemarie Uhl, Kulturwissenschaftlerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

 

Etwa 150 Gäste folgten unserer Einladung. Den Auftakt bildete ein Trailer des Theaterstücks:  

 

Wie Europa gelingt - Kurzfassung (14 Minuten) (leider schlechte Tonqualität)

 

Die deutsche Schauspielerin Katja Hensel stellt darin nicht nur den Vertrag von Lissabon dar. Sie hat das Stück auch selbst geschrieben. Es ist ein rares Beispiel künstlerischer Auseinandersetzung mit dem europäischen Einigungsprozess und entstand zur Zeit des Referendums in Frankreich über die europäische Verfassung infolge zahlreicher Diskussionen mit französischen Freunden. "Wie Europa gelingt" wird laufend aktualisiert. Wir Sind Europa hofft, im nächsten Jahr einen Sponsor und Kooperationspartner für eine Aufführung in Wien zu finden.

 

Niraj Nathwani erläuterte die europäischen Grundrechte, die im Vertrag von Lissabon verankert sind. Diese umfassen auch soziale Grundrechte, die weit über das hinausgehen, was die Verfassung der USA ihren BürgerInnen zugestanden hat. Zentrale Aufgaben der europäischen Grundrechteagentur mit Sitz in Wien sind die Prüfung von Gesetzesvorschlägen auf europäischer Ebene auf Vereinbarkeit mit den Grundrechten, sowie die Beobachtung der Grundrechtssituation in den Mitgliedsstaaten.

 

Jürgen Gmelch berichtete, dass die Arbeit in einer europäischen Einrichtung, wie der Europäischen Kommission, zwangsweise zu einem europäischen Gefühl führt, da man ständig mit KollegInnen aus anderen Mitgliedsstaaten zusammenarbeitet, vielfach auch in fremden Sprachen.

 

Heidmarie Uhl beklagte den Mangel an europäischen Bildern. "Europa-Kommunikation" bestehe vorwiegend aus Bildern nationaler Politiker (zumeist Männer) vor der Europa-Fahne. Eine solidarische Handlungsgemeinschaft könne so schwer entstehen.  Zur Erweiterung  des nationalen Blinkwinkels verwies sie auf europäische Austauschprogramme, die es nicht nur für StudentInnen geben solle.

 

Franz Nauschnigg vertrat - im Gegensatz zu den vielfach in den Medien kolportierten Aussagen - die Ansicht, dass gerade die gegenwärtige Finanzkrise  als Beispiel solidarischen Handelns in Europa herangezogen werden kann. Er stellte sie  in einen historischen Kontext und nahm ihr damit viel von ihrer Hysterie, ohne sie zu bagatellisieren. Herr Nauschnigg hat uns die Veröffentlichung zweier wichtiger Hintergrundpapiere zum Nachlesen erlaubt.

 

Der Euro als Schutzschirm in der Finanzkrise
Der Euro als Schutzschirm.pdf
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Krisenfinanzierung in der EU
Krisenfinanzierung in der EU.pdf
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Beim Umtrunk auf Einladung der Vertretung der Europäischen Kommisison in Österreich, der wir ganz herzlich für die Kooperation danken, gab es noch viel Stoff für angeregte Diskussionen, während ein Teil des Publikums seine Aufmerksamkeit der Übertragung des Eurovision Song Contest widmete. Sternmann und Grissemann  spalteten das Publikum derart, sodass eine "Abstimmung" über die Kommentatoren erfolgen  musste. Davon unberührt siegte Schweden überlegen.

 

Margareta Stubenrauch, 28. Mai 2012